Eine kleine Geschichte der broy new media, von Alexander Broy
Es war an einem dieser regnerischen Novembertage, als im Jahre 1981 mein Vater mit einem wuchtigen Paket nach Hause kam, in dem sich nach seinen Aussagen ein "Computer" befand. Da ich Computer bis dahin nur aus der Serie "Raumschiff Enterprise" kannte, war ich zunächst ausgesprochen skeptisch. Ausgepackt stellte sich das Gerät als ein "Commodore PET" heraus, der nach dem Einschalten lediglich "READY" und einen blinkenden Cursor auf dem Bildschirm anzeigte. Ein paar Wochen später hatte ich im zarten Alter von 12 Jahren diese Maschine völlig in Beschlag genommen und begonnen, Dreiecke um Sternchen herum fliegen zu lassen; und programmierte damit eines der allerersten Computerspiele Deutschlands. Der finanzielle Erfolg dieser Basic & Assembler Software war grandios: 5 Kopien verkauft á 5 DM. Mein zweiter Megaerfolg in der Softwarebranche war ein Textverarbeitungs-programm für diese Wunderkiste, die ich einem Geschäftsmann, der mich in einem Computerladen angeheuert hatte, programmierte. Er konnte mit dem "READY" und dem blinkenden Cursor nichts anfangen, und äußerte den Wunsch, seine Geschäftskorrespondenz EDV-basiert abzuwickeln. Dieses Broy-Ur-Word konnte tatsächlich so spannende Sachen wie "in der nächsten Zeile Weiterschreiben", "Löschen" und "Drucken".
Der Preis schien mir damals fast schon unverschämt: 100 DM.
Grafische Anwendungen und vor allem Spiele waren allerdings für mich immer spannender und mit den ersten 8 Farben, die auf neueren Rechnern darstellbar waren, wurde eine Flut verschiedenster "hochkomplexer" Abschieß-Spiele produziert, die wahnsinnig irre aussahen, jedoch immer eklatante Schwächen in der Funktion hatten. Der Kommentar meiner Freunde: "Boa, sieht geil aus, aber funzt irgendwie nich' so richtig". Damit war klar: ich werde Designer - und zeitlebens auf die Jungs mit den Mathe-Einsern angewiesen sein.
Die Menge an Computern in meinem Kinderzimmer wuchs ständig an. Atari 600XL, Commodore VC 20, Sinclair ZX 81, Sinclair Spectrum, C64, Schneider, Sharp 1210, Epson HX20, Amiga, Apple IIc...
Irgendwann werde ich ein Museum eröffnen.
Mitte der Achtziger Jahre entdeckte ich dann das Internet. Über Unis und verschiedene Mailboxen konnte man da irgendwie rein. Ich werde den Leser aber nicht weiter mit Anekdoten darüber langweilen, wie ich damals mit einer Autobatterie und einem Apple IIc in einer Telefonzelle und dem Überbrückungskabel eines Post-Lehrlings über einen 1200 Baud Akustikkoppler ins Internet bin. Der Einwahlknoten war eine Universität in den USA, deshalb das Überbrückungskabel, um Telefonkosten zu sparen.
Verbesserungen bezüglich des Komforts einer solch kostengünstigen Internet-verbindung waren in einiger Hinsicht nötig, um einen Massenmarkt zu erreichen. Abgesehen davon, dass es nur nachts funktionierte (wegen der neugierigen Passanten), ist eine Autobatterie schwer, und mein Computer hatte einen externen Reisefernseher als Monitor. Dagegen waren die fehlende grafische Oberfläche und langsame Downloadzeiten Kinkerlitzchen.
1989 schaffte ich tatsächlich das Abitur. Das "Pixelschubsen", wie wir Grafiker es nennen, begann mich irgendwann zu langweilen und ich beschloss, analog auf Leinwänden als Künstler aktiv zu werden, was aber finanziell ausgesprochen unrentabel war. Meine 125 DM Einkünfte aus frühen Softwareproduktionen waren schnell für Leinwände aufgebraucht, also ging ich zum Film.
Nicht vor, sondern hinter die Kamera, und begann endlich, etwas Anständiges zu lernen, na ja, für meine Verhältnisse. Ich wurde Kameramann für Film und Fernsehen. Es waren einige Jahre des Herumreisens und der harten, aufregenden Arbeit am Set und Originalschauplätzen. Als ich zum ersten Mal Vater wurde, beschloss ich, es mit etwas Sesshaftem zu versuchen. Da ich nicht beim Bayrischen Rundfunk schon um halb neun Weißbier trinken wollte, kaufte ich mir einen Apple und begann mit der Produktion von interaktiven Filmen, Multimedia CD-ROMs und Präsentationen. Mein Know-how als Computerfreak und Filmer war ideal für einen "Gründer und Chef einer Multimediaproduktion".
Und so begann 1992 ganz offiziell die Ära der "broy new media". Damals gab es in Deutschland einen Internetprovider; zwei Wochen später hatte ich eine Internetseite. Dummerweise hatten meine Kunden keinen Zugang und meine Seite blieb lange Zeit unentdeckt. Da ich nicht wusste, was Venture Capital ist, musste ich meine junge Multimediaproduktion mit meiner Arbeit als Kameramann finanzieren, und so kann man die ersten Jahre als ausgesprochen arbeitsreich bezeichnen. Habe ich schon erwähnt, dass ich inzwischen sehr froh bin, dass ich damals nicht wusste, was Venture Capital ist? Mit der Website der Werner Herzog Filmproduktion produzierten wir die erste kommerzielle Website, nach etlichen Hobbyportalen übers Segeln, Computerspiele und Online Communities. Danach ging alles rasend schnell. Die New Economy legte kräftig los. Intertainment AG, Advanced Medien AG, Inquire, 7th Level, die Voxar AG und auch alteingesessene Medienunternehmen wie die Tele München Gruppe und viele mehr. Viele Firmen wollten ins Internet und die broy new media war wie maßgeschneidert für die Medienwelt: wir waren schnell, budgetorientiert und hatten ein profundes Know-how in allen Bereichen der neuen Medien, der alten "neuen Medien" und der neuen "neuen Medien".
Die Branche brummte und die broy new media wuchs. Naja, Sie wissen, was dann kam. Die Branche jaulte und brach zusammen, und die broy new media schrumpfte wieder. Und da sind wir jetzt: klein, fein, gesund und mit noch mehr Erfahrung. Unsere Kunden haben von all dem Wirbel nie etwas gemerkt. Wir hielten uns bayerisch-stur an unsere "Königskunden-Philosophie". Und so wählten sie uns 2002 zur Nr. 1 Agentur in Sachen Kundenzufriedenheit und blieben uns treu. Auch in schlechten Zeiten. Jetzt freuen wir uns auf eine neue Ära der "True Economy", in der ordentlich und vernünftig geführte Unternehmen wie die broy new media weiterhin brav Steuern zahlen dürfen. Das tun nur wenige Internetagenturen, das können Sie mir glauben.
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