Literatur im Netz – Directors Cut

Alexander Broy 2. Juli 2010

Mein Beitrag über Literatur im Netz, der in der 1.Juli Ausgabe der Weltkompakt zu lesen war, wurde von den Redakteuren ein wenig eingekürzt. Das hat mich nicht wirklich gestört und ich habe es auch nicht als Zensur empfunden, das sei gleich vorweg klar gestellt. Für die, die es interessiert, hier der Directors Cut:

Mein Buchhändler hat nur die TOP 100 der Verkaufscharts vorrätig und die handeln dann vorzugsweise von Zauberlehrlingen, Teenager-Vampieren oder sind “Historische Romane” vom Format: „Der/Die xxxxx (beliebige mittelalterliche Berufsbezeichnung einsetzen)“. Andere Bücher bestellt er mir gerne, die kann ich dann am nächsten Tag bei ihm abholen: Ich lasse sie mir lieber von Amazon nach Hause liefern. Empfehlen kann mir der Buchfachverkaufsangestellte auch nichts, hat er doch noch nicht mal seine “Die Wachsbläserin” und “Der Wanderschuster” gelesen, geschweige denn Literatur, die mich interessieren könnte. Literaturnobelpreise gehen an Bücher, die einen eher in den Schlaf schaukeln, als dass sie einen atemlos Umblättern lassen, Preise helfen nur den Verlagen, nicht den Lesern.

Nicht nur Helene Hegemann weiß: Wer Literatur sucht, muss ins Internet. Dort findet man noch die vielen kleineren und größeren Oasen in der Wüste des Hauptstroms.

Das Literaturcafe.de sollte für jeden Literaturinteressierten ein fester Anlaufpunkt sein. Seit 1996 bloggt hier Wolfgang Tischer über wissenswertes und skurriles aus der Szene. Legendär sind auch seine Podcast-Interviews mit Roger Williams von der Buchmesse. Überhaupt ist der Podcast ein wundervolles, literaturafines Medium. Ob nun Buchtipps, Rezensionen oder Lesungen, Literatur kann man wundervoll hören. Durch meine regelmäßigen Autorenlesungen im Schundroman-Podcast habe ich damals einen Verlag für meine Roman „Die Urlauber“ gefunden. Diesen Weg beschreiten inzwischen einige Autoren und lesen aus ihren (unveröffentlichten) Werken – je nach Talent von schräg bis genial, oder eben auch beides.

Die große, alte Dame des Literaturpodcasts ist Karla von der Buchkolumne.de. Ihr Podcast, den ich hier ausdrücklich empfehle, ist in letzter Zeit leider ein wenig eingeschlafen, da sie jetzt für die Buch-Community Lovelybooks.de arbeitet. Hier können Leser mit Lesern und Leser mit Autoren diskutieren, sich austauschen, Bücher empfehlen und anderen mitteilen was sie gerade lesen (gleichzeitig auch auf Facebook). Sehr spaßig und inspirierend, zumindest für die, die das Thema Datenschutz für allgemein überbewertet halten.

Eine der wichtigsten Adressen für eine echte Leseratte ist bedauerlicherweise die von IKEA, denn jedes gelesene Buch fordert ein paar Zentimeter mehr im Billyregal. Irgendwann wird das letzte Kunstwerk den Kampf um die letzte Wand gegen die raumgreifende Literatur verloren haben und dann?

Kommt mir jetzt blos nicht mit Kindle, IPad oder sonst einem eBook-Reade. Ja, ich weiss das sind echte Stauraumwunder, aber das war es dann auch schon.

Früher als ich Bücher noch verliehen habe, hatte ich nie Platzprobleme – die hatten wahrscheinlich immer nur die Anderen. Jetzt tausche ich Bücher bei Tauschticket.de Sucht jemand ein Buch, welches ich anbiete, schicke ich es ihm und erhalte im Gegenzug ein oder mehrere „Tickets“. Für solche Tickets kann ich mir dann bei jemandem anderen wieder Bücher aussuchen. Geld kostet immer nur der jeweilige Versand.

Und dann gibt es da noch die Antiquariate, die schrulligen unter Bücher vergrabenen Eigenbrötler. Sie betreiben Online-Shops und in Portalen und Suchmaschinen, wie z.B. Booklocker.de oder dem ZVAB.de haben Bibliophile aus aller Welt Zugriff auf ihre Schätze. Diese Spezies tummelt sich – also ich kann es mir nicht ganz erklären – munter und fidel bei Twitter. Sie schnattern und kommentieren ihr Leben aus ihren Bücherhöhlen z.B. twitter.com/wimbauer. Manchmal glaube ich Parallelen zur Renaissance der Vinyl-Schallplatte in unserem MP3 Zeitalter zu erkennen.

Twitter ist als literarisches Medium überhaupt ausgesprochen interessant. Vieles, was auf den ersten Blick nur flüchtig hingerotzt erscheint, entpuppt sich beim zweiten Blick als echte Perle moderner Lyrik. Die hin und wieder stattfindenden Twitter-Lyrik Wettbewerbe sind nur ein Indiz für die Eignung dieses 140 Buchstabenmediums (z.B. twitter-lyrik.de) Der Hashtag #twly verweist auf diesen Wettbewerb und sucht man bei Twitter nach #Haiku liest man eine uralte Gedichtform, die wie für dieses moderne Medium gemacht scheint.

Was oft probiert, aber leider nie wirklich geklappt hat, ist das Experiment mit dem Kollaborativen Roman. Es gibt viele verwaiste Webseiten, die versucht haben Schreiber dazu zu bewegen einen Fortsetzungsroman gemeinsam zu schreiben. Jeder eine Seite oder ein Kapitel. Ich hielt es immer für eine schöne Idee, aber vermutlich scheiterte es immer am Ego der Autoren, dass ja wie wir wissen oftmals so riesig ist, dass es sogar eine eigene Schwerkraft hat.

Dieses Ego ist es möglicherweise auch, welches so viele Möchtegern-Autoren in die Fänge der sogenannten Zuschussverlage treibt über die man im Internet ständig stolpert. Zum größten Teil katastrophal unseriös, locken sie Tausende, Tausende in Books on Demand zu versenken, die niemand je lesen wird. Da tut sich ein dunkles Loch im wundervollen literarischen Netz auf dem üble Geschäftemacher auf Beute lauern. Mein Tipp für Literaten, schreibt ein Blog, sprecht einen Podcast habt Spass und die Leser werden euch irgendwann finden.

Zum Schluss aber noch etwas wirklich Vergnügliches: Für die Fans von Poetry-Slams gibt es eine Seite namens MySlam.net dort findet man Veranstaltungen, Termine, eine interaktive Landkarte und vor allem viele Videos von vergangen Slams, die Lust machen, einmal bei einem solchen Event teilzunehmen, oder aber wenigstens zuzuschauen.

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